Zuerst die gute Nachricht:
„Kulturelle Gegensätze verstärken oftmals Konflikte, sind aber zumeist nicht die eigentliche Ursache“, lautet das Fazit einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung (Weiteres zur Studie auf www.bertelsmann-stiftung.de >>>)
„Den von vielen prognostizierten ‚Zusammenprall der Kulturen’ wie der des Westens mit dem Islam“ können wir „auf internationaler Ebene nicht erkennen“, bilanziert Malte Boecker, Senior Expert der Bertelsmann Stiftung. Vier von fünf kulturellen Konflikten sind ausschließlich innerstaatliche Phänomene, ergab die Studie.
Somit belegt von neuem ein konkreter Blick auf Konflikte, dass auch die zur Kultur gezählten Religionen nicht der entscheidende Faktor sind, der Konflikte zwischen Staaten verschärft und gesellschaftliche Gewalt verursacht. Sowohl religiös zersplitterte als auch religiös homogene Gesellschaften zeigen sich als „relativ konfliktarm“.
So hartnäckig sich auch das von Samuel P. Huntington geprägte Schlagwort vom „Kampf der Kulturen“ (1996) – auf Englisch „The Clash of Civilizations“ (1993) – im Alltagsjargon hält, so falsch ist es im Blick auf die Fakten vor Ort. Das zeigt auch die Forschung des Politikwissenschaftlers Markus Weingardt, Referent für Friedens- und Konfliktforschung an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und Mitarbeiter der Stiftung Weltethos. Weingardt richtet im Gegensatz zur Mehrheit der medialen und wissenschaftlichen Beiträge zum religiösen Gewaltpotential in politischen Konflikten seine Aufmerksamkeit auf das „Friedenspotential von Religionen in politischen Gewaltkonflikten“ (vgl. M. Weingardt, Der Dialog von Religionen: Wundermittel, Placebo oder Gift?, auf der Online-Extra Nr. 99 des COMPASS >>>) In der Reihe von Beispielen, in denen „religiöse Akteure“ zwar „nicht alleine“, aber doch „signifikant und entscheidend zur Deeskalation und Gewaltvermeidung“ beitrugen, nennt Weingardt unter vielen anderen
die Bewegung Moral Rearmament (ursprünglich Oxford-Gruppe) in ihrem Engagement für die deutsch-französische Verständigung nach dem Zweiten Weltkrieg,
den Ökumenischen Rat der Kirchen als Vermittler eines Friedensabkommens im Sudan (1972),
die buddhistisch fundierte Bewegung Sarvodaya Shramadana mit ihrer Versöhnungsarbeit zwischen buddhistischen Singhalesen und überwiegend hinduistischen Tamilen sowie
Muslime in Ruanda, die sich 1994 als einzige Bevölkerungsgruppe dem Völkermord der Hutu widersetzten.
Religiöse Friedenskräfte erhielten vielmals einen Vertrauensvorschuss, so Weingardt. Ihnen werde eher zugesprochen, dass sie unabhängig und fair seien. Dieses besondere Potential zur Schlichtung und Versöhnung beizutragen, müssten die Religionsgemeinschaften noch entdecken und sich in Konflikten aktiver anbieten, appelliert der Politikwissenschaftler. Gleichzeitig mahnt er die Medien, über das „vielfältige Friedenswirken religiöser Akteure zu berichten“, z.B. über die überwiegend positive Bedeutung von Religionen in Gewaltkonflikten im südsaharischen Afrika, die eine Studie des Hamburger Instituts für Afrika-Studien >>> bestätige.
Und nun die Schattenseite der guten Nachricht:
Wenn nun vermeintlich zu Eifer und Hass antreibende Religionen nicht die entscheidende Ursache für Konflikte sind, was dann? Die Studie der Bertelsmann Stiftung nennt – das klingt vertraut – Faktoren wie Unterentwicklung, ein geringes Wirtschaftswachstum, die Menge der zur Verfügung stehenden Agrarfläche oder das Niveau der Demokratisierung in einer Gesellschaft. Ein besonders bedeutsamer Faktor sei „ein sehr hoher Anteil an männlichen Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe oder in einem Land im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (Youth Bulge)“.
Dieses Ergebnis erschüttert mich ein wenig. Da ist es kein Trost, selbst eine Tochter und keinen Jungen erziehen zu dürfen. BS