Herr Fleischhauer möchte verschont werden.

Im Weihnachtsgottesdienst wünscht der  SPIEGEL-Autor Jan Fleischhauer, von „Einlassungen zur politischen Lage“ verschont zu bleiben, sagte er in einem Interview der Nachrichtenagentur idea. In evangelischen Gottesdiensten solle wieder mehr über Himmel und Hölle gepredigt werden statt über Politik. Die evangelische Kirche habe sich ihrer Kompetenz beraubt, über das Jenseits auskunftsfähig zu sein. Statt das kraftvolle Lutherdeutsch zu benutzen, befleißigten sich die Pastoren einer merkwürdigen Sozialarbeitersprache.

So deftig wie Sie es gerne hätten, kriege ich es nicht hin, aber vielleicht langt es ja so: Sie dürfen sich in dieser weichgespülten evangelischen Kirche gerne zu Weihnachten was wünschen. Aber ich bin mir sicher, dass sich die allermeisten Pfarrerinnen und Pfarrer dann doch mehr danach richten, was ihnen von der Bibel aufgegeben ist zu sagen.  Das machen sie vielleicht nicht immer perfekt und mancher Bezug zur Realität mag „naiv“ daher kommen. Aber das ist immer noch besser, als in einen Kinderglauben zurück zu fallen oder mit mittelalterlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle daher zu kommen. Selbst wenn die Kirchen dann voller wären (was ich nicht glaube), wäre es eine Sünde, gegen die Gnade Gottes und die menschliche Vernunft zu predigen.

Sie schreiben in Ihrem Bestseller, Sie seien „aus Versehen konservativ“ geworden. Sehen Sie! Lassen Sie doch andere Menschen auch Fehler machen. Das meiste kann man wieder korrigieren.

Und um Ihren ungestörten Weihnachtsabend brauchen Sie sich übrigens auch als einer, der aus der Kirche ausgetreten ist, keine Sorgen machen: Ihre Freunde von idea werden Ihnen sicher einen garantiert politikfreien (oder wenn doch, dann wenigstens angenehm konservativen) Gottesdienst empfehlen können.

>>> Artikel auf der idea-Homepage

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2 comments on “Herr Fleischhauer möchte verschont werden.
  1. Ines Wendtland sagt:

    Schon klar, dass der Mitarbeiter einer Firma mit dem Claim „Sagen, was ist“, in unserem Biotop mit Klartext für empörten Aufschrei sorgt.
    Etwas vollmundig allerdings, zu suggerieren, Fleischhauer sei ein Weichei -und ätsch, selbst naiv, Kindergläubiger.
    Der Mann kommmt an, hat eine starke Stimme in der Öffentlichkeit und
    feiert immerhin als Spiegel-Kolumnist bald Silberhochzeit mit der härtesten Redaktion der Republik. Dazu hat er noch Recht: die Endlosschleife von unerfüllbaren Moralappellen, die wir als Kirchenvolk um die Ohren gehauen kriegen, ist gnadenlos. Wenn die Predigt im hastigen, unreflektierten Galopp durch die Feuilletons und Polit-Ressorts der großen Wochenzeitungen stolpert, ist meine Vernunft schwer beleidigt, vom geschlunzten Sprachstil im Dienst der „Selbstverharmlosung“ ganz abgesehen. Dass Pfarrer die Bibel wirklich als Maßstab und im Bohrenschen Sinn „Gott als ersten Hörer“ nehmen, ist doch verschwindend selten geworden.
    Kirchen-Leer-Predigen empfind ich auch nicht als harmlosen Fehler. Es ist eher der Sterbeprozess einer gesellschaftlich nicht mehr plausiblen Institution.Die beleidigte Abwertung Fleischhauers und der idea-Redaktion erzählt davon, dass der Spiegelredakteur gesagt hat, was ist.

  2. Gudrun Kuhn sagt:

    Ich stelle mir vor: Der Prophet Elias lässt sich von der „öffentlichen Meinung“ überzeugen, dass er lieber fromme Sprüche verbreiten soll anstatt dem Herrscherhaus Miss-Regierung vorzuwerfen. Fein für ihn! Er muss das Land nicht verlassen. Auch Jeremia wäre nicht in die Grube geworfen worden, wenn er dem König nach dem Mund geredet und einfach nur (ein wohlklingendes) Halleluja gesungen hätte. Und der Prozess Jesu? Ausgefallen. Kein Anlass für Pontius Pilatus, ein Urteil wegen Hochverrats zu verhängen. Friede, Freude, Eierkuchen …
    Ich stelle mir vor: Jesus im Tempel unter den Händlern. Nur ja keine Tische umwerfen! Nur ja keine bösen Worte! Auf keinen Fall in einfachem Gebrauchsaramäisch! Vielleicht hätte er ein paar althebräische Verse singen sollen. Am besten über die Schönheit des Paradieses. Aber pfui – kein politisch, kein garstig Lied!
    Dass ausgerechnet die Ex-Kirchenkritiker mit ästhetisch feinem Sinn ihre harmlos-schöne Wunschkirche einfordern (mögen sie nun Mosebach heißen oder Fleischhauer), macht ihre Idee vom Christentum nicht überzeugender. Ich rate ihnen, in die Oper zu gehen. Aber – o Schreck – selbst da bemüht man sich ja um gesellschaftspolitisch aufwühlende Aussagen.
    Dann kann ich auch nicht helfen.

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