Was mich an der reformierten Theologie begeistert

Institutio-KD-Zürcher (Foto: Rieger)

Institutio-KD-Zürcher (Foto: Rieger)

Nein, ich gestehe, es ist an erster Stelle nicht Calvin und auch nicht Karl Barth, sondern das Faszinierende an der reformierten Theologie ist die Freiheit. Die Freiheit, alles immer wieder neu zu denken.

Zwar gibt es bedeutende reformierte Theologen und Bedeutendes, was sich als reformierte Theologie bezeichnen ließe. Doch das Wesentliche ist eher etwas Formales: Jede theologische Frage ist immer wieder zur Diskussion freigegeben. Alles, was bisher zu einem Thema gesagt worden ist, hat zwar Gewicht – vielleicht sogar ein großes Gewicht. Doch alles DARF immer wieder hinterfragt werden und MUSS sich immer wieder der Diskussion stellen. Nicht nur die Organisation Kirche, sondern auch die Theologie ist eine sich ständig reformierende (semper reformanda).

Wem das zu liberal klingt, möge sich noch ein bisschen gedulden. Es wird gleich noch fundamentaler.

Zunächst: Ja, das hört sich nach viel Arbeit an. Nach hitzigen Diskussionen, Streit und Bibelstudium. Brauchen wir solchen Aufruhr? Können das nicht die Professorinnen und Professoren an der Uni für uns erledigen, vielleicht noch die Pfarrerinnen und Pfarrer auf ihren Konventen? Aber nein! Diese Diskussionen haben – gut reformiert – ihren Platz mitten in den Gemeinden. Angeführt und unterstützt vielleicht von den Gelehrten, aber nicht bei denen abgeladen.

Und wenn die Diskussionen dann los gehen, dann gibt es in nach Gottes Wort reformierten Gemeinden nur eine Basis: die Bibel. Klar! Und doch eben auch nicht. Denn auch die ist wiederum nicht dadurch eindeutig, dass einzelne Sätze zitiert werden und sich gegenseitig um die Ohren gehauen. Gottes Wort sind keine Sätze, sondern ist ein Geist, der aus dem Alten wie dem Neuen Testament in unterschiedlichen Tönen und Schattierungen spricht, aber eben ein Geist, um dessen Dasein und Verständnis gerungen werden muss – zu jeder Zeit wieder.

Zugegeben: Das ist nicht nur begeisternd, sondern auch ganz schön anstrengend und ernst. Aber doch allemal besser als weitere Rückzugefechte und Klagen über den schwindenden Einfluss der Kirche, oder?

Dies soll der Anfang einer Reihe von kurzen „Anreißern“ sein, die (hoffentlich) zur Diskussion einladen.

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Der Ehrliche ist der Dumme

Minus 40 minus 19 minus 5 - Wahnsinn!

Neulich im Möbelhaus auf der Suche nach einem neuen Sofa. Wahnsinn! 40 und 50 Prozent Nachlass fast auf Alles, was da herumsteht. Und dann noch die Mehrwertsteuer weg. Verlockend! Auf Nachfrage stimmten die Preise dann leider nicht so wirklich, etliche Zusatzkosten waren nicht ausgezeichnet. Da wurde ich schon stutzig. Und bin erstmal wieder heim – an den Computer, um ein bisschen zu recherchieren. Die angegebenen ursprünglichen Preise denken sich die Möbelhäuser komplett selber aus, lese ich auf mehreren Seiten verschiedener Verbraucherschutzorganisationen und Foren. Und die von mir in Augenschein genommenen Möbelstücke gibt es tatsächlich bei mehreren Bezugsquellen zu fast genau dem selben Niedrigstpreis – ganz regulär.

Da geht man doch gerne wieder hin! – Das ist unmissverständlich ironisch gemeint. Aber in der Tat gehen Zehntausende da jede Woche wieder hin – in dieses und andere Möbelhäuser, wo es nur um eines geht: die Kunden zu täuschen. Lieben wir das eigentlich? Ist das so eine Art postmoderner Masochismus?Kann man mit so einem System vielleicht leben, wenn man es durchschaut hat? Ist es überhaupt zu durchschauen?

Bei meinem früheren Handy-Provider habe ich dreimal Vertragsumstellungen imNachhinein wieder storniert, weil ich bei genauem Hinsehen bemerkte, dass mir Bedingungen vorsätzlich falsch dargestellt worden waren. Ähnliches passierte mir mit Finanzgeschäften, Stromanbietern und Zeitungsverlagen. Jahre hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich in den meisten Fällen schlichtweg betrogen werde. Seither lehne ich jegliche Angebote am Telefon ab. Freundlich aber bestimmt. „Schicken Sie mir Ihr Angebot schriftlich zu, sonst geht leider nichts!“ Meistens geht dann eher nichts.

Man mag mich für naiv oder sogar dumm halten. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Mich kotzt es an, ständig betrogen zu werden. Oder auch nur dem Versuch ausgesetzt zu sein. Es stört mich auch deswegen, weil ich in meiner inzwischen angewöhnten Abwehr natürlich auch solche Menschen brüskiere, die es ehrlich meinen. Ich liebe es nämlich eigentlich, umworben zu werden. Als Kind schon schaute ich mir auf dem Markt Präsentationen von wundersamen Saugschwämmen und multipraktischen V-Hobeln mit Begeisterung an. Meine Lautsprecherboxen, die ich heute noch habe, kaufte ich vor 20 Jahren nach einer stundenlangen Beratung und dem Vergleich mit vielen anderen Modellen. Der Verkäufer war ein HiFi-Freak undzog mich in seinen Bann. Und am Ende habe ich das gekauft, was ich wollte. Sowas erlebe ich auch ab und zu und finde es dann Klasse. Und sage es den Verkäufern dann auch, denn ich hoffe, dass sie sich ihren Idealismus noch lange erhalten und trotzdem davon leben können.

Aber zurück zur Normalität. Die Beispiele dafür, zu welchen Gelegenheiten wir tagtäglich betrogen werden, würde Seiten füllen. Wir haben uns daran gewöhnt. Selbst da, wo wir es merken, haben wir gelernt, es zu verschmerzen, wegzustecken. Was wir nicht so leicht merken: Das gesamte Geschäftsklima wird dadurch vergiftet. Denn natürlich misstrauen wir inzwischen allen Angeboten. Und unser Misstrauen trifft dann auch die Ehrlichen. Die Ehrlichen sind die Dummen. Das ist genau der Sinn dieses Sinnspruchs.

Genau deshalb gab es einst das Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“. Das war eine Art Kodex aller Händler, der Versuchung des Täuschens zu widerstehen und ehrlich zu bleiben. Das wird auch nicht immer geklappt haben, aber es war immerhin ein Ideal. Heute macht man sich mit solchen Forderungen geradezu lächerlich.

Diese Normalität der Lüge ist das Problem. Weil wir die Versuche in vielen Fällen durchschauen, ist der praktische Schaden begrenzt. Aber das Miteinander nimmt erheblich Schaden. Wir können uns nicht mehr trauen. Der vermeintliche persönliche Vorteil zählt mehr als die Glaubwürdigkeit. Das darf doch nicht wahr sein!

Die Wahrheitsliebe ist der Hintergrund für das neunte Gebot (nach lutherischer Zählung das achte). Der Heidelberger Katechismus verurteilt in Frage 112 „alles Lügen und Betrügen als Werke des Teufels“ und fordert mich auf „in all meinem Tun soll ich die Wahrheit lieben, die aufrichtig sagen und bekennen und uch meines Nächsten Ehre und guten Ruf nach Kräften retten und fördern.“

Nicht nur weil das da steht, aber angespornt auch dadurch, sollten wir uns überlegen, ob wir uns die Normalität der Unwahrheit weiter gefallen lassen sollen. Natürlich müssen wir uns auch fragen, wo wir selbst dazu beitragen. Und uns auch in unserer kurzlebigen Zeit vor Augen halten: Ehrlich währt am längsten. Hoffentlich!

 

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