Wie ist die Bibel zu lesen? – Die Angst vor der Grundsatzfrage

Die Bibel in der Schweizer Kirche in Emden (Foto: Rieger)

Die Bibel in der Schweizer Kirche in Emden (Foto: Rieger)

… und wie sie überwunden werden kann

Der Schlagabtausch über das Familien-Papier der EKD hat es eindrücklich gezeigt: Die einen zitieren Bibelstellen und sehen dadurch Gottes Willen eindeutig wiedergegeben. Die andere Seite hält viele Regeln in der Bibel für überholt und setzt sich – scheinbar leichtfertig – darüber hinweg. Kein Wunder, dass eine wirkliche Diskussion über das Thema Ehe und Familie so nicht möglich war. Es gibt gar keine Basis, auf der man sich näher kommen könnte.

Interessant ist, dass in Gemeinden diese hermeneutische Frage, also die Frage, wie die biblischen Texte ganz grundsätzlich zu verstehen sind, so gut wie nie diskutiert wird. In vielen Predigten bleibt das ein Geheimnis und auch in Vorlesungen oder in theologischer Literatur. Irgendwie hat man wohl Angst, sich an dieser Frage zu entzweien oder die eigene Unsicherheit im Umgang mit der Bibel preiszugeben.

Diese Angst gilt es zu überwinden. Sonst ist das Gespräch über Fragen des Glaubens und der Ethik wenig erträglich – im doppelten Wortsinn!

Am wenigsten verkrampft stellen sich Gemeindemitglieder oder auch Menschen ohne kirchliche Bindung dieser Frage. Und deshalb liegt die Lösung des Problems, beziehungsweise der Anstoß für eine breite Diskussion genau dort: auf der Ebene der Gemeinde.

Das Ziel muss nicht sein, sich auf ein einheitliches Bibelverständnis zu einigen. Das wäre wohl zu viel verlangt und ist vielleicht sogar nicht einmal nötig. Aber eine Annäherung oder mindestens der gegenseitige Respekt ist möglich.

Bedenkenswert ist auch der globale Aspekt: Weltweit die meisten Christen würden von sich behaupten, „jeden Buchstaben“ der Bibel wortwörtlich zu glauben. Das stößt insbesondere in mitteleuropäischen „aufgeklärten“ Kreisen auf Vorbehalte. Wie gehen wir mit diesem innerchristlichen Kulturbruch um?

Zwischen diesen Fronten, einer teilweise regelrecht fundamentalistischen Bibelgläubigkeit und einer hierzulande kritischen bis ignoranten Haltung in der breiten Öffentlichkeit, ist es schwer sich zu positionieren. Ein paar Anregungen:

Nein, in der Bibel ist Gottes Wille nicht nachzulesen. Denn wenn das so wäre, stünde uns das Paradies ja offen. Wir müssten nur alles befolgen und wären Gott gefällige perfekte Menschen. Wohl aber ist in der Bibel Gottes Wort zu lesen, indem nämlich, was Gott Menschen inspiriert hat weiterzuerzählen und aufzuschreiben. Das waren auf annähernd tausend Jahre verteilt sehr unterschiedliche Menschen in sehr unterschiedlichen Situationen. Und doch verbindet sie alles etwas: sie glaubten an Gott und fühlten sich von ihm begleitet, geliebt, geführt – manche auch getrieben (Jonas) und gequält (Hiob).

Die einzelnen Texte der Bibel haben für sich eine Qualität (z.B. die Psalmen als Gebete, die Gleichnisse als Lehrstücke der Gnade Gottes, die Briefe als Theologie für die Gemeinden …) und sind als solche auch wörtlich zu nehmen. Aber als Gottes Wort kann immer nur die Bibel als Ganzes verstanden werden. Und zwar mit ihren Widersprüchen und Ungereimtheiten – sich selbst korrigierend, herausfordernd, oft auch rätselhaft.

Und unser Bibelverständnis ist und bleibt immer auch ein Missverständnis. Wenn wir uns ansehen, was über die Jahrhunderte schon alles mit der Bibel begründet und in sie hinein gelesen wurde, dann wäre es geradezu idiotisch zu meinen, dass wir es jetzt und hier aber mal alles richtig wissen.

Es braucht immer wieder den Geist Gottes, um etwas Rechtes zu verstehen und die Missverständnisse im Rahmen zu halten. Deshalb ist zum Lesen in der Bibel immer auch Demut nötig. Die Haltung des Ich-weiß-es-genau-denn-hier-steht-es-doch ist eine unverzeihliche menschliche Vermessenheit, die dem Geist im Weg zu stehen versucht.

Dass wir in der reformierten Theologie die Bibel als einzige Quelle der Offenbarung Gottes anerkennen, heißt nicht, dass wir uns nur in Textversatzstücken aus dem Kanon der Heiligen Schrift unterhalten können. Aber in der Geschichte Gottes mit Israel und dem Christuszeugnis der ersten Christen ist das Wesentliche über Gott gesagt. Mehr braucht es nicht, um ihn zu verstehen. Aber eben auch nicht weniger als die ganze Bibel!

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Was mich an der reformierten Theologie begeistert

Institutio-KD-Zürcher (Foto: Rieger)

Institutio-KD-Zürcher (Foto: Rieger)

Nein, ich gestehe, es ist an erster Stelle nicht Calvin und auch nicht Karl Barth, sondern das Faszinierende an der reformierten Theologie ist die Freiheit. Die Freiheit, alles immer wieder neu zu denken.

Zwar gibt es bedeutende reformierte Theologen und Bedeutendes, was sich als reformierte Theologie bezeichnen ließe. Doch das Wesentliche ist eher etwas Formales: Jede theologische Frage ist immer wieder zur Diskussion freigegeben. Alles, was bisher zu einem Thema gesagt worden ist, hat zwar Gewicht – vielleicht sogar ein großes Gewicht. Doch alles DARF immer wieder hinterfragt werden und MUSS sich immer wieder der Diskussion stellen. Nicht nur die Organisation Kirche, sondern auch die Theologie ist eine sich ständig reformierende (semper reformanda).

Wem das zu liberal klingt, möge sich noch ein bisschen gedulden. Es wird gleich noch fundamentaler.

Zunächst: Ja, das hört sich nach viel Arbeit an. Nach hitzigen Diskussionen, Streit und Bibelstudium. Brauchen wir solchen Aufruhr? Können das nicht die Professorinnen und Professoren an der Uni für uns erledigen, vielleicht noch die Pfarrerinnen und Pfarrer auf ihren Konventen? Aber nein! Diese Diskussionen haben – gut reformiert – ihren Platz mitten in den Gemeinden. Angeführt und unterstützt vielleicht von den Gelehrten, aber nicht bei denen abgeladen.

Und wenn die Diskussionen dann los gehen, dann gibt es in nach Gottes Wort reformierten Gemeinden nur eine Basis: die Bibel. Klar! Und doch eben auch nicht. Denn auch die ist wiederum nicht dadurch eindeutig, dass einzelne Sätze zitiert werden und sich gegenseitig um die Ohren gehauen. Gottes Wort sind keine Sätze, sondern ist ein Geist, der aus dem Alten wie dem Neuen Testament in unterschiedlichen Tönen und Schattierungen spricht, aber eben ein Geist, um dessen Dasein und Verständnis gerungen werden muss – zu jeder Zeit wieder.

Zugegeben: Das ist nicht nur begeisternd, sondern auch ganz schön anstrengend und ernst. Aber doch allemal besser als weitere Rückzugefechte und Klagen über den schwindenden Einfluss der Kirche, oder?

Dies soll der Anfang einer Reihe von kurzen „Anreißern“ sein, die (hoffentlich) zur Diskussion einladen.

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Alles theologisch etwas dünn!

Günther Beckstein schmetterte jüngst bei dem im Vorfeld der EKD-Synode in Düsseldorf tagenden Treffen der Vereinigten Lutherischen Kirche (VELKD) in den Saal, die EKD brauche keine „Gundlach-Theologie“. Nach der Entschuldigung beim leitenden EKD-Theologen Thies Gundlach war der Eklat vom Tisch, aber ein Phänomen hatte einen Namen bekommen. Dieses lässt sich so auf den Punkt bringen: Wenn Du mit einer vorgetragenen Meinung nicht einverstanden bist, dann behaupte einfach, sie sei theologisch etwas dünn. Du kannst dann sicher sein, dass Viele in das selbe Horn blasen. Denn bei Anderen ein Defizit an theologischem Tiefgang zu kostatieren, stellt ja in Aussicht, man habe selbst erheblich weitergehende Erkenntnisse. Die sind natürlich nicht mal so eben schnell vorzutragen. Deshalb braucht es eine gut vorbereitete und breit angelegte Diskussion auf vielen Ebenen mit basisdemokratischen Entscheidungsprozessen … klar!

Irgendwie scheint es mir, dass sich das Argument der „theologisch dünnen Argumentation“ durch seinen inflationären Gebrauch verdächtigt macht. Wie oft wurde dieser Einwand nicht in den vergangenen Wochen, als es um das EKD-Familienpapier ging, aggressiv vorgetragen oder kleinlaut eingestanden. Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören. Vor allem deshalb nicht, weil die theologischen Diskussionen nämlich allerorten stattfanden: am Sonntag vor der Kirche, im Freundeskreis, in Internetforen und in Gemeinde-Gesprächskreisen. Und diese Diskussionen, die ich erlebt habe, fanden in der Regel auf einem wesentlich höheren Niveau statt als die öffentlichen Schlagabtausche.

Wer einen theologisch tiefbohrenden Diskurs wünscht, soll ihn doch einfach führen. Das ist doch heutzutage kein Problem mehr, die eigene Meinung oder auch die Meinung mehrerer Diskussionsteilnehmer zu veröffentlichen. Hier zum Beispiel.

 

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