Nein! Kein Verständnis für jede Angst.

Kaum brodelt es in Dresden und anderen Städten wieder pegidamäßig, treten auch die Angst-Versteher auf den Plan. Die Ängste der Bürger seien ja doch ernst zu nehmen, manches sei zwar diffus, rühre aber doch zutiefst menschliche Vorbehalte an …

Tatsächlich gibt es Ängste, für die man auch dann Verständnis haben kann, wenn sie nicht so richtig begründet sind. Wir Menschen haben eine komplettt unvernünftige Risiko-Einschätzung. Das zeigen immer wieder Statistiker auf, denen aber ja niemand zuhört.

Doch die am Rande der Montagsdemos und in vielen Interviews geäußerten Ängste entbehren in den meisten Fällen jeder Vernunft und können genauso gut auch vorgeschoben sein. Was mache ich denn, wenn ich meinen latenten und jetzt eben auflebenden Rassismus einigermaßen politisch korrekt begründen will? Ich äußere Ängste. Damit bin ich unangreifbar und brauche mich nicht als Fremdenhasser zu outen. Ängsten kann man vernünftig nicht widersprechen, sie sind einfach da. Jedenfalls wollen uns die besorgten Bürger das gerne weißmachen.

Deshalb sollten wir dem nicht auf den Leim gehen und Verständnis für jede noch so bescheuerte Angst zeigen. Es ist übrigens ein alter Trick. Reden von Goebbels, Hitler und Konsorten vor der Machtergreifung – teilweise auch noch danach – spielen ständig mit der Angst. Sie ist einfach ein unschlagbares Argument. Hätten die jedenfalls gerne, die gestandenen Männer, die sich wimmernd vor die Kameras stellen. Das ist einfach lächerlich! Und sonst nichts.

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Der Ehrliche ist der Dumme

Minus 40 minus 19 minus 5 - Wahnsinn!

Neulich im Möbelhaus auf der Suche nach einem neuen Sofa. Wahnsinn! 40 und 50 Prozent Nachlass fast auf Alles, was da herumsteht. Und dann noch die Mehrwertsteuer weg. Verlockend! Auf Nachfrage stimmten die Preise dann leider nicht so wirklich, etliche Zusatzkosten waren nicht ausgezeichnet. Da wurde ich schon stutzig. Und bin erstmal wieder heim – an den Computer, um ein bisschen zu recherchieren. Die angegebenen ursprünglichen Preise denken sich die Möbelhäuser komplett selber aus, lese ich auf mehreren Seiten verschiedener Verbraucherschutzorganisationen und Foren. Und die von mir in Augenschein genommenen Möbelstücke gibt es tatsächlich bei mehreren Bezugsquellen zu fast genau dem selben Niedrigstpreis – ganz regulär.

Da geht man doch gerne wieder hin! – Das ist unmissverständlich ironisch gemeint. Aber in der Tat gehen Zehntausende da jede Woche wieder hin – in dieses und andere Möbelhäuser, wo es nur um eines geht: die Kunden zu täuschen. Lieben wir das eigentlich? Ist das so eine Art postmoderner Masochismus?Kann man mit so einem System vielleicht leben, wenn man es durchschaut hat? Ist es überhaupt zu durchschauen?

Bei meinem früheren Handy-Provider habe ich dreimal Vertragsumstellungen imNachhinein wieder storniert, weil ich bei genauem Hinsehen bemerkte, dass mir Bedingungen vorsätzlich falsch dargestellt worden waren. Ähnliches passierte mir mit Finanzgeschäften, Stromanbietern und Zeitungsverlagen. Jahre hat es gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich in den meisten Fällen schlichtweg betrogen werde. Seither lehne ich jegliche Angebote am Telefon ab. Freundlich aber bestimmt. „Schicken Sie mir Ihr Angebot schriftlich zu, sonst geht leider nichts!“ Meistens geht dann eher nichts.

Man mag mich für naiv oder sogar dumm halten. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Mich kotzt es an, ständig betrogen zu werden. Oder auch nur dem Versuch ausgesetzt zu sein. Es stört mich auch deswegen, weil ich in meiner inzwischen angewöhnten Abwehr natürlich auch solche Menschen brüskiere, die es ehrlich meinen. Ich liebe es nämlich eigentlich, umworben zu werden. Als Kind schon schaute ich mir auf dem Markt Präsentationen von wundersamen Saugschwämmen und multipraktischen V-Hobeln mit Begeisterung an. Meine Lautsprecherboxen, die ich heute noch habe, kaufte ich vor 20 Jahren nach einer stundenlangen Beratung und dem Vergleich mit vielen anderen Modellen. Der Verkäufer war ein HiFi-Freak undzog mich in seinen Bann. Und am Ende habe ich das gekauft, was ich wollte. Sowas erlebe ich auch ab und zu und finde es dann Klasse. Und sage es den Verkäufern dann auch, denn ich hoffe, dass sie sich ihren Idealismus noch lange erhalten und trotzdem davon leben können.

Aber zurück zur Normalität. Die Beispiele dafür, zu welchen Gelegenheiten wir tagtäglich betrogen werden, würde Seiten füllen. Wir haben uns daran gewöhnt. Selbst da, wo wir es merken, haben wir gelernt, es zu verschmerzen, wegzustecken. Was wir nicht so leicht merken: Das gesamte Geschäftsklima wird dadurch vergiftet. Denn natürlich misstrauen wir inzwischen allen Angeboten. Und unser Misstrauen trifft dann auch die Ehrlichen. Die Ehrlichen sind die Dummen. Das ist genau der Sinn dieses Sinnspruchs.

Genau deshalb gab es einst das Ideal des „ehrbaren Kaufmanns“. Das war eine Art Kodex aller Händler, der Versuchung des Täuschens zu widerstehen und ehrlich zu bleiben. Das wird auch nicht immer geklappt haben, aber es war immerhin ein Ideal. Heute macht man sich mit solchen Forderungen geradezu lächerlich.

Diese Normalität der Lüge ist das Problem. Weil wir die Versuche in vielen Fällen durchschauen, ist der praktische Schaden begrenzt. Aber das Miteinander nimmt erheblich Schaden. Wir können uns nicht mehr trauen. Der vermeintliche persönliche Vorteil zählt mehr als die Glaubwürdigkeit. Das darf doch nicht wahr sein!

Die Wahrheitsliebe ist der Hintergrund für das neunte Gebot (nach lutherischer Zählung das achte). Der Heidelberger Katechismus verurteilt in Frage 112 „alles Lügen und Betrügen als Werke des Teufels“ und fordert mich auf „in all meinem Tun soll ich die Wahrheit lieben, die aufrichtig sagen und bekennen und uch meines Nächsten Ehre und guten Ruf nach Kräften retten und fördern.“

Nicht nur weil das da steht, aber angespornt auch dadurch, sollten wir uns überlegen, ob wir uns die Normalität der Unwahrheit weiter gefallen lassen sollen. Natürlich müssen wir uns auch fragen, wo wir selbst dazu beitragen. Und uns auch in unserer kurzlebigen Zeit vor Augen halten: Ehrlich währt am längsten. Hoffentlich!

 

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Google als “Stätte des Calvinismus“

Florian Illies betrachtet Google und Apple als “eine Frage des Glaubens“ Google
Seit dem 5. Januar verkauft Google ein eigenes Smartphone, das Nexus One. Eines der eingespielten Programme ermöglicht eine Bilderkennung des gerade fotografierten Gegenstandes im Internet. Demnächst soll diese Technik auch auf Personenerkennung ausgeweitet werden. Anlass für die Wochenzeitung “Die Zeit“ über den “neuen Weltgeist“ nachzudenken.
Florian Illies, Autor des Bestsellers „Generation Golf“, hat dazu eine kurze religiöse Anthropologie über den Menschen nach Google im Vergleich zum Menschen nach Apple geschrieben. Der Mensch nach Google, sei der, der seine Sünde „nie mehr büßen kann“. Die Suchmaschine erfasst auch noch die kleinste Jugendsünde. Konfessionell ist der Google-Mensch dem Protestantismus zuzuordnen, das zeigt die „asketische Auftaktseite“, „leer gefegt“ wie ein „niederländischer Kirchenraum nach 1566“. Ein Pendant zu Luthers „Ich stehe hier und kann nicht anders“ entdeckt Illies in Google Maps. Was die Website aber „natürlich“ zu einer „Stätte des Calvinismus“ mache, ist das Kernanliegen der Suchmaschine: „Durch Google verschwendet man keine Zeit für unnötige Suchen“. Soweit zu und nach Illies.
Reformierte Internetfreaks haben es schon immer geahnt … frage ich mich bloß, warum eine calvinistische Redakteurin sich die Zeit nimmt, darüber eine Meldung zu schreiben und dann auch noch ein Bild zu erstellen.
Die vier „Deutungsversuche“ zum Google „Welt-Geist“ im Feuilleton der Zeit vom 14. Januar 2010, Seite 41 sind online zu lesen:
http://www.zeit.de/2010/03/Google-Earth?page=2
P.S. Dem Apple iPhone als „Barockkirche unter den Mobilfunkgeräten“ bleibt es überlassen, den Katholizismus zu repräsentieren. BS

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